Rede von Ludwig Stauner  Reichspogromnacht 9. 11.2017 in

Aschaffenburg

 

 

 

 

 

 

Zur Tafel der unvergessenen Antifaschisten - Rede am 09.11.17 - hinter der Sandkirche

von Ludwig Stauner, Friedenstrommler

 

Liebe Bürgerinnen und Bürger, Kolleginnen und Kollegen, Freundinnen und Freunde,

 

danke, dass Ihr alle gekommen seid an diesen denkwürdigen Ort.

Diese Tafel ist mehr als ein Metallteil, denn sie verkündet eine Botschaft, sie verkündet eine Mahnung. Am 9. November erinnern wir uns an die Pogromnacht und an dieser Stelle darüber hinaus an diejenigen, die inmitten der Naziherrschaft in unserem Land durch Wort und Tat ein Gegenzeugnis gegeben haben. (Das Tafelbild habe ich für Euch fotografiert.)

Wir können hier an die Mutigen, die eingekerkert wurden ebenso denken wie an das Unrechtsregime, dann an die Wachmänner und Richter der NS-Diktatur, an die vielen schweigenden Mitläufer in dieser Stadt. - Es bleibt jedoch immer die Aufgabe einen Bogen zu spannen; vom Gedenken und Würdigen hin zum heutigen Ermahnen für ein besseres Morgen - Jeder kann sich fragen: Was ist meine politische Überzeugungen, wofür werde ich eintreten?

 

Kaum einer von uns hat erlebt, was es bedeutet, in einem Unrechtssystem als Staatsfeind verdächtigt zu werden, kaum einer weiß, was es bedeutet, plötzlich festgenommen und in den Knast gesteckt zu werden. Kaum einer hat erlebt, was es bedeutet, Gewalttätern und Schergen körperlich und seelisch ausgeliefert zu sein.

 

Doch viele Menschen leiden an solchen Taten heute immer noch, in europäischen Ländern und auf anderen Kontinenten.

 

Deswegen wollen wir heute symbolisch aufschreien angesichts von Ungerechtigkeit und von Leid , von Schmerzen und Tod.

 

Wir können nur eine kleines Zeichen der Würdigung setzen mit wenigen Worten, mit Trauer und Tränen, denn ungerechtes Leiden ist letztlich unaussprechlich.

 

Worin besteht für mich die Eigenständigkeit eines jeden Menschen? - Welchen Standpunkt vertrete ich gegenüber Andersdenkenden?

 

Welchen Wert und welche Wertschätzung sind wir bereit, einander zu geben? -

Jeder Mensch ist doch für sich allein naturgemäß eine Einmaligkeit.

Jeder Mensch wurde zunächst in ein konkretes Milieu gestellt, das er oder sie nicht frei wählen konnte.

 

Der andere Mensch wird von seiner Heimat weg in die Flucht getrieben durch Gewaltherrschaft und Krieg,

wieder andere Menschen machen persönliche Schritte, um mehr Lebenssicherheit zu erreichen,

wieder andere Menschen schauen uns fragend an mit geplagten und traurigen Augen

und andere Menschen hören sich ein in eine neue, zunächst fremde Sprache.

 

Lasst uns bereitwillig mit den Anderen und Fremden umgehen,

lasst uns geduldig werden, wenn wir ungewöhnliche Lebensbräuche beobachten,

lasst uns aber dann klar und mutig werden, wenn wir menschenverachtende Reden

und Taten in unserem eigenen Land verspüren.

 

Ein gestörter Mensch rief kürzlich in einem Aschaffenburger Café aus:

Wir bräuchten wieder einmal einen kleinen H., dann würde es uns allen wieder

besser gehen; sofort ging ich auf die Bedienung zu und danach gesellte ich mich

zu dem unmöglichen Schwätzer. -

 

- Es gibt viele Möglichkeiten, ein entschiedenes Kontra zu geben. -

 

Wenn wir Augen und Ohren aufmachen, merken wir, wie sich ein politisches Klima

zum Schlechten verändern kann; so bei oberflächlichem Denken und bei politischen Handeln, das zuerst Wirtschaftserfolge anstrebt, aber wenig Interesse an einem Gemeinwohl mit einer besseren Lastenverteilung hat.

 

So wünsche ich für uns alle: Werden wir mutig und kämpferisch für Gerechtigkeit und Frieden. Ehren wir weiterhin an diesem Tag die, die vor uns gekämpft und manches erlitten haben; sie waren Vorboten für ein anderes und besseres Land, für ein Land, in dem Menschen sagen und ausdrücken können, was für sie Gerechtigkeit und Frieden bedeutet. - Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit.