Rede von Dorothea Litzba auf dem Ostermarsch 2019 in Aschaffenburg

 

 

 

Rede  von    Dorothea  Litzba,  Attac,  Friedenstrommler   


Liebe Friedensfreunde,  

diesmal ein extra Hallo denjenigen, die in den 80-er Jahren eine heiße Zeit hatten. Damals wurden in Europa nukleare Mittelstreckenraketen stationiert,.

und wir haben zu Hunderttausenden dagegen protestiert. Mit Erfolg. Im INFVertrag zwischen USA und 

Sowjetunion wurde  der Abzug der Waffen vereinbart, Produktion und Stationierung wurden verboten. 

Zwar nur an Land und nicht auf See, aber der Vertrag hatte Bestand. Bis ihn der US-Präsident 

letzten Oktober aufkündigte und Russland nachzog.

 

Nächstes Jahr läuft auch der New START-Vertrag für Interkontinentalraketen aus, und einer 

Vertragsverlängerung hat nur Russland zugestimmt. Eine Katastrophe bahnt sich an, wenn wir es 

zulassen, dass mit atomarer Gewalt über unser Leben bestimmt wird!  

 

Nach der Abrüstung konnten wir uns noch oft die größte US-Interkontinentalrakete live 

 

ansehen, die Titan II, wenn sie Astronauten oder Wettersatelliten ins All beförderte. Für den 

Kampfeinsatz vorgehalten wird jedoch die wendigere Minuteman III-Rakete, die viele von 

uns aus dem atomaren Katastrophenfilm „Der Tag danach“ kennen. Heute warten in fünf 

US-Staaten noch 449 dieser Höllenmaschinen in unterirdischen Silos darauf, aufzusteigen 

und irgendwo auf dem Erdball den tödlichen Feuersturm auszulösen. 


Minutemen werden pikanterweise auch die diensthabenden Offiziere genannt, weil sie nur 

Minuten Zeit für die Startprozedur haben. Diese Soldaten haben extremen Drill durchlaufen, 

und jeder von ihnen trägt eine Pistole bei sich: Falls der Kollege am Starter sich auffällig 

verhält, wird er erschossen.  


Die Minuteman III-Rakete hat drei Kernsprengköpfe, jeder davon mit eigener Zieleinstellung. 

Im Kalten Krieg war jede Schwadron mit  50 Raketen darauf eingerichtet, 150 sowjetische 

Städte samt ihrem Umland zu vernichten. 150 bewohnte Städte!  Im Kalten Krieg war das 

nichts Ungewöhnliches. Die Militärstrategen wollten, dass für die Zerstörung einer Stadt die 

50-fache Sprengkraft vorgehalten wurde. Ein Großteil der Bevölkerung sollte ausgelöscht 

werden, um die Kriegsmüdigkeit zu schüren! Ob dieser Zynismus noch heute wirkt? Es sieht 

leider sehr danach aus. 


Für die Zerstörungskraft der ballistischen Raketen sind die Sprengköpfe maßgeblich, egal, ob 

sie als Interkontinental- oder als Mittelstreckenraketen ausgelegt sind. Aber wenn US- 

Atomraketen in Europa aufgestellt werden, verkürzt sich die Flugdauer für Ziele im Osten 

dramatisch. Massive Aufrüstung und gleichzeitig Ausdehnung des NATO-Einflussbereichs in 

Russlands Nachbarschaft – muss Russland das nicht als lebensbedrohlich auffassen? Und 

sollte das nicht wiederum bei uns die Furcht wecken, dass Europa Ziel eines Vernichtungs- 

schlags wird?  


Bei Übungen im Raum Nordsee, Ostsee und Schwarzes Meer treffen sie jetzt schon laufend 

gefährlich aufeinander:  Flugzeuge und Schiffe von NATO-Staaten und Russland, die mit 

ihren Mittelstreckenwaffen ganze Städte verglühen lassen können. Selbst die kleinste 

Nuklearwaffe tötet mit verheerender Wirkung. Panzer-Haubitzen können Ziele in 30 km

 

Entfernung beschießen. Diese Mini-Nukes erzeugen einen kilometergroßen Feuerball – mit 

nuklearem Fallout.  


Dabei warnen uns die Friedensforscher: Je besser die Waffentechnik, desto niedriger die 

Schwelle zum Waffeneinsatz. Wenn Militaristen überzeugt sind, den Feind schlagen zu 

können, erhöht sich ihre Bereitschaft, einen Krieg anzuzetteln. Einen großen 

Vernichtungskrieg. Und den würde Europa nicht überleben. 


Doch was passiert? 

Für den Bau der Atombombe wurde wegen der Unmenge an Rechenoperationen der 

 

Computer erfunden. Um seither Kriege vorzubereiten, kamen Satellitensysteme und 

Künstliche Intelligenz hinzu. Die Waffen werden stetig perfektioniert. Durch immer genauere 

Zielansteuerung sollen Kollateralschäden (!) vermieden werden und durch irrsinnig 

gesteigerte Zerstörungskraft sollen sie jeglichen Gegner  abschrecken. Wer sich entgegen- 

stellt, soll mit absoluter Sicherheit ausgeschaltet werden, und zwar so,  dass er erst gar nicht 

mehr zum Zug kommt. Der atomare Erstschlag ist wieder Option!  


Der nukleare Overkill solle beseitigt werden, sagen die USA und setzen auf die Weiter- 

entwicklung autonomer Waffen, die ihr Ziel selbst finden. Autonome Waffen, welche 

Perversion! Seelenlose Roboter entscheiden über den Tod von Menschen! 1,2 Billionen US- 

Dollar sind für  die Entwicklung der neuen Waffengeneration eingeplant. Dazu werden 

Bomben gehören, die noch während des Falls ins Ziel gesteuert werden können, um 

unterirdisch Bunker, Gebäude und Tunnelsysteme durch atomare Erdbebenwellen zu 

zerstören. Sie sollen auch in Büchel stationiert werden. 


„Es geht um unsere Sicherheit“, tönt es aus den Militärhochburgen, und führende Politiker 

und Medien beten es nach. Doch was sie predigen, ist schiere Konfrontation. Bei der RAND- 

Corporation, der Denkfabrik der US-Militärführung, werden pausenlos Überlegungen zu  

Europas vorgeblicher Sicherheit angestellt. Dazu erbrachte kürzlich ein RAND-Vertreter 

einen Vorschlag, der das Blut gefrieren lässt:   Man könne ja die russischen Waffensysteme 

durch Ausschalten ihrer elektromagnetischen Steuerung lahmlegen; man müsse nur eine 

kleine, zielgenaue Atombombe über dem Kreml zünden. Eine kleine Atombombe! 


Liebe Friedensbewegte!

Wir dürfen nicht länger stillhalten. Wir müssen wieder laut werden 

und Abrüstungsverhandlungen fordern. Atomwaffen verbieten! Bringt das Thema zur 

Sprache, vernetzt Euch! Und verlangt von den politisch Verantwortlichen, dass sie sich für 

den einzig wirksamen Schutz vor dem Krieg einsetzen: für die gegenseitige Verständigung, 

für Verträge, die in Kooperation statt in Konfrontation münden.